Warum Akzent nicht gleich Akzent ist — Vier Erklärungsebenen für eine Asymmetrie, die viele erleben
- Nicole Molina
- 13. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Letzte Woche hat mir eine venezolanische Ärztin, die in einem bayrischen Krankenhaus arbeitet, erzählt, dass Patienten sie manchmal explizit ablehnen und nicht von ihr behandelt werden wollen. Nicht wegen ihrer Diagnosen, sondern wegen der Art, wie sie Deutsch spricht. Sie spricht mit Akzent, macht manchmal einen Grammatikfehler oder sucht kurz nach einem Wort. Sie ist fachlich ausgebildet, hat viele Jahre Arbeitserfahrung, unzähligen Menschen geholfen — und trotzdem reicht in ihrem deutschen Berufsalltag die Tatsache, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, damit Menschen an ihrer Kompetenz zweifeln.
Das ist kein Einzelfall. Spanischsprachige Fachkräfte, die in deutschsprachigen Kontexten arbeiten, erleben das in verschiedenen Variationen täglich: Ingenieurinnen, die in Meetings übergangen werden; Architektinnen, die nicht befördert werden, weil sie wegen ihres Akzents angeblich nicht bei allen Kundenkontakten dabei sein können; Manager, denen in Gehaltsverhandlungen gesagt wird, ihr Deutsch müsse erst besser werden, obwohl sie sich täglich auf Deutsch beweisen. Die Liste von solchen Situation, die ich von meinen Coachees gehört ist sehr lang.
Und gleichzeitig kenne ich die andere Seite — aus eigener Erfahrung. Als ich Anfang zwanzig mein Erasmusjahr in Spanien verbrachte, war mein Spanisch weit davon entfernt, perfekt zu sein. Trotzdem begegnete mir fast ausschließlich Geduld, Wohlwollen und die Freude, dass ich überhaupt auf Spanisch kommunizierte. Diese Grundhaltung blieb, als ich später auf Spanisch zu arbeiten begann — und ich höre sie auch von anderen Deutschen, die Spanisch in verschiedenen Kontexten verwenden.
Dieselbe Anstrengung — das Anwenden einer Fremdsprache in einem realen Kontext. Aber entgegengesetzte Erfahrungen.
Ich habe mich oft gefragt, was dahintersteckt. In diesem Artikel schaue ich auf vier Erklärungsebenen, die ich genauer recherchieren würde, wenn ich die Zeit dazu hätte: die linguistisch-soziologische, die kulturelle, die soziale und die politische. Nach acht Jahren Berufserfahrung in diesem Bereich, unzähligen Gesprächen mit Betroffenen und ein paar theoretischen Konzepten, die mir noch aus dem Studium bekannt sind und mir helfen, das Beobachtete einzuordnen, scheinen sie mir die relevantesten Dimensionen abzudecken. Mir haben sie geholfen, meine Überlegungen zu ordnen — und für dich sind sie hoffentlich eine Einladung zum Nachdenken.
Vier Erklärungen, die tiefer gehen als Sprachkenntnisse
1. Die linguistisch-soziologische Ebene: Wir hören nie nur die Sprache
Die Soziolinguistik hat für das, was ich beschreibe, einen präzisen Begriff: Sprachbewertung. Ihre zentrale Erkenntnis lautet, dass wir, wenn wir jemanden mit Akzent sprechen hören, nicht die Sprache an sich bewerten — sondern die soziale Kategorie, die dieser Akzent in uns aktiviert.
Das wurde bereits in den 1960er Jahren durch William Lambert empirisch nachgewiesen. Beim sogenannten Matched-Guise-Test hörten Versuchspersonen dieselbe Stimme — einmal mit Akzent A, einmal mit Akzent B. Die Urteile über Kompetenz, Intelligenz und Sympathie dieser Person veränderten sich drastisch, obwohl dieselbe Stimme zu hören war. Nicht die Sprache selbst löste die Reaktion aus, sondern die soziale Gruppe, die der Akzent signalisierte.
Was bedeutet das für die Situationen, die ich beschreibe?
Lamberts Befund legt nahe: Wenn ich als Deutsche Spanisch spreche, aktiviert mein Akzent vermutlich eine soziale Kategorie, die mit Neugier, Respekt und freiwilligem Engagement verbunden ist. Das erzeugt Sympathie.
Wenn meine Coachees Deutsch sprechen, aktiviert ihr Akzent in deutschsprachigen Kontexten vermutlich eine andere Kategorie: jemand, der eine Erwartung erfüllen muss, der sich beweisen soll, der Anpassung schuldet. Jede Abweichung vom erwarteten Standard wird als Defizit gelesen — nicht als Leistung.
Diese Übertragung auf den deutsch-spanischen Kontext ist meine Interpretation — aber sie deckt sich mit dem, was mir meine Coachees täglich berichten.
Der Soziologe Pierre Bourdieu hat dafür einen theoretischen Rahmen geliefert: Sprachliches Kapital ist nie neutral. Sein Wert wird nicht durch die Sprache selbst bestimmt, sondern durch den sozialen Markt, auf dem sie eingesetzt wird — und durch die Position der Person, die sie spricht. Überträgt man diesen Gedanken auf die Situationen, die ich beschreibe, ergibt sich: Dasselbe Kapital — eine Fremdsprache mit Akzent sprechen — wird je nach Trägerin als Geschenk oder als Pflicht gelesen. Und das geschieht, bevor die Person auch nur den Mund aufgemacht hat.
2. Die kulturelle Ebene: Was zählt mehr — die Norm oder die Absicht?
Es gibt noch eine Ebene, die ich aus eigener Erfahrung kenne und die im interkulturellen Forschungsfeld gut beschrieben ist: die unterschiedliche Art, wie Kulturen mit sprachlicher Abweichung umgehen.
Der Anthropologe Edward T. Hall hat Kulturen in sogenannte Low-Context- und High-Context-Kulturen eingeteilt. Low-Context-Kulturen — zu denen Deutschland in der interkulturellen Forschung klassischerweise gezählt wird — legen großen Wert auf explizite, präzise und normorientierte Kommunikation. Was gesagt wird, zählt — und wie es gesagt wird, gemessen an einem sprachlichen Standard.
High-Context-Kulturen — zu denen viele lateinamerikanische und spanischsprachige Kulturen in dieser Tradition gezählt werden — kommunizieren stärker über Beziehung, Kontext und Intention. Die Frage, die im Vordergrund steht, ist weniger Entspricht das dem Standard?, sondern Will diese Person kommunizieren, und zeigt sie guten Willen?
Diese Einteilung ist vereinfachend — Kulturen sind nicht homogen, und Halls Modell wird in der Forschung auch kritisch diskutiert. Aber als Orientierung erklärt es etwas, das ich selbst erlebt habe und das mir meine Coachees immer wieder bestätigen.
Das bedeutet nicht, dass in Spanien oder Lateinamerika niemand auf Sprache achtet. Aber es erklärt, warum mir dort mit Geduld und Wohlwollen begegnet wurde, obwohl mein Spanisch weit von perfekt war — meine Absicht war erkennbar, mein Versuch wurde honoriert. Und es erklärt, warum meine Coachees in Deutschland trotz hoher Sprachkompetenz immer wieder erleben, dass eine einzige Abweichung vom erwarteten Standard — ein Akzent, ein falscher Artikel, ein gesuchtes Wort — als Signal gelesen wird, das über die eigentliche Kommunikation hinausgeht.
Die Kommunikationskultur allein erklärt die Asymmetrie nicht vollständig. Aber sie ist ein Teil davon — und einer, der sich verändern lässt.
3. Die soziale Ebene: Dieselbe Bewegung — zwei verschiedene Erwartungen
Ich beobachte auch eine soziale Asymmetrie, die mich immer wieder beschäftigt. Menschen, die aus Deutschland in spanischsprachige Länder gehen und dort arbeiten, erzählen mir fast ausnahmslos dasselbe: Man begegnet ihnen mit Offenheit, auch wenn ihr Spanisch nicht perfekt ist, und sogar mit dem Vorurteil, sie seien kompetent, weil sie in Deutschland ausgebildet und sozialisiert wurden.
Menschen, die aus spanischsprachigen Ländern nach Deutschland kommen und hier arbeiten, erleben oft das Gegenteil — obwohl sie dieselbe Anstrengung unternehmen. Wie die venezolanische Ärztin, die wegen ihres Akzents von Patienten abgelehnt wird. Ich habe unzählige solcher Geschichten von meinen Coachees gehört: von einer kolumbianischen Ingenieurin, die trotz höchster Qualifikation nicht zu Kundenterminen darf. Und einem spanischen Manager, dem in Gehaltsverhandlungen gesagt wird, sein Deutsch müsse erst besser werden. Von der chilenischen Pädagogin, der unterstellt wird, dass die Kinder sie nur deswegen akzeptieren, weil sie genauso dunklere Haut hat wie sie. Ich könnte die Aufzählung ewig fortsetzen.
Was ist der Unterschied? Nicht die Kompetenz. Nicht die Motivation. Sondern die Erwartungshaltung, die ihnen in ihrer neuen Umgebung begegnet.
Mir fällt außerdem auf, dass dieselbe Situation — jemand lebt und arbeitet in einem anderen Land — oft sprachlich unterschiedlich gefasst wird: Während "Expat" freiwillige Mobilität, Kompetenz und Willkommenheit signalisiert, ist "Immigrant" in vielen gesellschaftlichen Kontexten offenbar mit Erwartungen an Anpassung und Beweispflicht verknüpft. Diese Zuschreibung folgt für mich keiner objektiven Logik — sie folgt der Herkunft.
Was das konkret bedeutet, erlebe ich in meiner täglichen Arbeit: Die venezolanische Ärztin muss nicht nur ihre fachliche Kompetenz beweisen — sie muss gleichzeitig gegen eine gesellschaftliche Erwartungshaltung ankämpfen, die mit ihrer Herkunft und ihrem Akzent verknüpft ist, unabhängig davon, was sie tatsächlich leistet.
Mir als Deutsche, die auf Spanisch arbeitet, begegnet diese Erwartungshaltung nicht. Meine sprachlichen Unvollkommenheiten werden als menschlich gelesen. Ihre als Defizit.
4. Die politische Ebene: Wenn Sprache zur Eintrittsbedingung wird
Im Juni 2024 trat in Deutschland das reformierte Staatsangehörigkeitsrecht in Kraft. Wer eingebürgert werden möchte, muss unter anderem Deutschkenntnisse auf B1-Niveau nachweisen — zertifiziert, überprüft, dokumentiert. Sprache ist damit nicht nur Kommunikationsmittel. Sie ist zur rechtlichen Voraussetzung für Zugehörigkeit geworden.
Das ist kein isoliertes Gesetz, sondern Teil einer langen deutschen Tradition. Das Prinzip „Fördern und Fordern", das die Integrationspolitik seit 2016 strukturiert, formuliert es explizit: Unterstützung gibt es — aber Anpassung wird verlangt. Integration wird als einseitige Bringschuld der Zugewanderten gedacht, nicht als gemeinsamer gesellschaftlicher Prozess.
Was das im Alltag bedeutet, zeigt die venezolanische Ärztin, von der ich am Anfang erzählt habe. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, ihre Approbation erhalten, arbeitet jeden Tag in der Versorgung. Und trotzdem: Der Akzent — die Tatsache, dass man hört, woher sie kommt — reicht manchen Patienten, um ihre Kompetenz in Frage zu stellen.
Das ist kein individuelles Problem. Es ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Haltung, in der Sprache nicht als Brücke gedacht wird, sondern als Nachweis — und in der ein Akzent als Zeichen unvollständiger Anpassung gelesen wird, nicht als Zeichen gelebter Mehrsprachigkeit.
Was das bedeutet — für beide Seiten
Die Asymmetrie, die ich beschreibe, ist sicherlich in den allermeisten Fällen nicht die Folge böser Absicht. Sie ist ganz offensichtlich das Ergebnis von Mechanismen, die tief in Sprache, Kultur, gesellschaftliche Erwartungen und politische Strukturen eingebettet sind — und die deshalb vermutlich sehr schwer zu sehen sind, solange man nicht auf beiden Seiten gestanden hat.
Für spanischsprachige Fachkräfte in Deutschland bedeutet das: Was du täglich erlebst, ist nicht deine Einbildung und schon gar nicht gegen dich persönlich gerichtet. Es hat strukturelle Ursachen — und nichts mit deiner tatsächlichen Kompetenz zu tun. Dies zu verstehen verändert die Realität nicht, aber es kann etwas Entscheidendes verschieben: Dein Erleben nicht mehr als Zeichen dafür zu interpretieren, dass du nicht gut genug bist. Und die Kraft freisetzen, die du vielleicht gerade noch brauchst, um das anzugehen, was in deiner Hand liegt — deine bewusste Regeneration, die dann wiederum die Energie freisetzen kann, um an der Wurzel zu arbeiten (den Ausbau deiner interkulturellen Kommunikationskompetenz).*
Für deutschsprachige Kolleg:innen, Führungskräfte und Teams: Wir bewerten nie nur die Sprache — wir bewerten die Person dahinter, geprägt durch kulturelle Erwartungen, gesellschaftliche Zuschreibungen und politische Strukturen, die festlegen, wessen Akzent als Kompetenz gilt und wessen als Defizit. Das ist kein bewusster Akt, sondern ein System. Und
— im Bewerbungsgespräch, im Meeting, im Patientenzimmer.
Warum ich darüber schreibe
Meine eigene positive Erfahrung auf Spanisch verdanke ich nicht meinem Sprachniveau — das war gerade in meiner ersten Zeit in Spanien alles andere als alltagstauglich. Ich verdanke sie der Freundlichkeit und Fehlertoleranz, mit der mir begegnet wurde, aber eben auch einer gesellschaftlichen Positionierung, die ich mir nicht ausgesucht habe.
Ich begleite seit vielen Jahren professionell spanischsprachige Fachkräfte in deutschsprachigen Kontexten. Und je länger ich das getan habe, desto klarer ist mir geworden: Ich arbeite nicht an einem Sprachproblem. Ich arbeite an einer Asymmetrie — und die beginnt lange bevor jemand den Mund aufmacht. Genau deshalb habe ich vor einigen Jahren angefangen, mich weiterzubilden und arbeite inzwischen nicht nur mit den Betroffenen selbst, sondern zunehmend auch mit Teams und Organisationen — weil Veränderung von beiden Seiten ausgehen und gemeinsam gestaltet werden sollte.
Nicole Molina Cárdenas ist Gründerin von Mi Tribu Berlin und Coach für interkulturelle Kommunikation. Sie begleitet spanischsprachige Fachkräfte in deutschsprachigen Kontexten — nicht nur dabei, ihr Deutsch zu verbessern, sondern dabei, ihre Stimme zurückzugewinnen. Im Rahmen von HUMUS Culture begleitet sie außerdem Organisationen und Teams auf dem Weg zu einer inklusiveren interkulturellen Kommunikationskultur.
* Wie das konkret aussehen kann, habe ich in diesem Artikel beschrieben.



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